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chevron-perlen, teil 1: die klassische form PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail

Bild 1: Vier 6- und eine 4-lagige Chevron-Perle von Links nach Rechts: hexagonal versetzter Schliff, Tropfenform in seltener Farbkombination, neue Fassform aus einer alten Stange geschliffen, Klassische Farbgebung sehr lang und sehr flach geschliffen, Appelcore-Chevron, 2 Lagen vermutlich weggeschliffen.Bild 1

Als Perlenmacher und Sammler freue ich mich ganz besonders Ihnen an dieser Stelle eine meiner Lieblingsperlen nahe bringen zu können. Während meiner vielen Reisen nach Berlin, Paris, Amsterdam, Kopenhagen und vor allem Venedig im letzten Jahrzehnt war es mir möglich, einige besonders schöne und ausgefallene Chevron-Perlen zu erstehen, sowie einige Perlenmacher und Glasmeister kennen zu lernen, die diese Technik nicht nur beherrschen, sondern auch zu neuen Höhen geführt haben. Einige der gezeigten Stücke sind mittlerweile fester Bestandteil meiner Sammlung geworden, andere warten in den Vitrinen meines Ateliers noch auf einen neuen Besitzer, oder auf die Aufnahme in eine besondere Halskette...

Die Chevron-Perle ist sicherlich eines der wichtigsten und beeindruckendsten Erzeugnisse aus der großen Familie der gezogenen Perlen.

Bild 2: von Links nach Rechts: 6-Lagige Tropfenform, 4-Lagige frei geformt, 10-Lagige alte Tropfenform,  4-Lagige transparente freie Form, 6-Lagige quadratische Tropfenform.Bild 2

Im Italienischen als Perla Rosetta, im Englischen auch als Star-Bead bekannt, bezeichnet der afrikanische Name der Haussa: "Bakim-Mutum" diese Perle als den "König der Perlen" - und lange war es auch Königen und Stammesfürsten vorbehalten, sie zu tragen. Der Glaube, dass diese Perlen im Sande der Sahara wachsen, wurde noch lange durch Händler aufrecht erhalten... Und tatsächlich werden immer noch viele der alte Chevrons in Afrika ausgegraben. Allerdings beruht dies auf der Tatsache, dass bei einem Begräbnis immer der ganze Schmuck der Verstorbenen als Zeichen von Würde und Wohlstand im Grab beigelegt wurde.

Die ersten bekannten Chevron Perlen entstanden vermutlich im 14. Jahrhundert in Venedig. Normalerweise bestanden sie aus 7 Lagen verschiedenfarbiger Gläser, und die Anzahl der Zacken variierte zwischen 5 und 21. Die Enden waren mit 6 grob angeschliffenen Facetten versehen, die das innere Muster sichtbar machten. Spätere Generationen hatten nur noch 3 oder 5 Lagen, was wohl zum Einen auf eine Vereinfachung des Herstellungsprozesses, zum Anderen aber auch sicherlich auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen ist.
Im späten 16. Jahrhundert wurden sowohl Glasmeister als auch Techniken und Equipment zur Glasherstellung in großem Umfang nach Amsterdam "importiert", und begründeten eine aufstrebende und sehr aktive Perlenindustrie. Funde aus dieser Zeit in den Kanälen Amsterdams, sowie in den holländischen Übersee-Kolonien belegen eine rege Produktivität. Jan Jansz Garel etwa, Besitzer einer Amsterdamer Glashütte und Mitbegründer der East India Trading Companie, stattete den Engländer Henry Hudson für seine Nordamerika-Fahrt 1609 mit einer immensen Anzahl an Perlen aus, die dieser neben Messern und Beilen mit den Indianern gegen Felle und Tabak tauschte, und der Sage nach wurde auch Manhattan für eine Handvoll Chevron-Perlen gekauft...

Bild 3: Obere Reihe: Sechs Neue 6-Lagige, Links: 2 Stücke von Chevronstangen, eine schräg durchgesägt, eine angefast, eine große Anfang 19. Jhd., zwei große Scheiben, in der oberen meine allerkleinste Chevron-Perle J und auf der rechten Seite 12 Scheibenstücke: Variationen der Stangen-Querschnitte vom 17. bis zum 20. Jhd.Bild 3

In der abflauenden Konjunktur des 18. Jahrhundert schlossen sich etwa 25 Familien von Glasmachern auf Murano zur "Conterie" zusammen. In dieser Zeit entstand dort das heute noch am meisten verbreitete Design der Chevron-Perle: ein 12-zackiger Stern, mit einem Aufbau in 6 Lagen. Selbstverständlich wurde besonders in kleineren Betrieben eine große Anzahl an Variationen zu diesem Thema ausprobiert, und manche dieser eigentlich nicht für den regulären Verkauf hergestellten Perlen erzielen heute bei Sammlern Höchstpreise. Bei Constantini wurde z.B. in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts viel mit blassen Pastellfarben und Erdtönen experimentiert - ein schönes Beispiel ist die zartgrüne "Appelcore"-Chevron (Bild 1, ganz Rechts). Weitere Variationen entstanden ab den 80er Jahren unter anderem durch Luigi Cattelan, der noch heute ständig auf der Suche nach alten Chevron-Stangen ist, um ihnen eine neue Form zu verleihen (Bild 2, 2./4./5. von Links, Bild 5), sowie Davide Salvadore, dessen wunderschöne und in einem ganz eigenen Stil geschichtete Chevrons für ihn "nur" ein Teil seiner Skulpturen sind - jedoch für Liebhaber eine der schönsten zeitgenössischen Perlen Venedigs. Doch darüber mehr im zweiten Teil...

Die Produktion der Chevron-Perlen geschieht immer in zwei Schritten: Am Anfang steht die Herstellung der Chevron-Stange, die im zweiten Schritt in Stücke zerteilt und zur Perle wird:
Zuerst wird ein großer Klumpen meist weißes Glas mit einer Glasmacherpfeife aus dem Hafen (Glasschmelzbecken) gehoben und durch rollen auf einer Stahlplatte zu einer Walze geformt. Diese wird als nächstes in dunkelblaues Transparentglas getaucht und in eine 12-zackige Pressform gedrückt. Dieser Vorgang wiederholt sich (beim hier beschriebenen klassischen Aufbau) noch drei mal mit den Farben Weiß, Ziegelrot, Weiß, und zum Abschluss wird mit besonderer Sorgfalt eine letzte Schicht der namensgebenden Farbe aufgetragen, in diesem Fall wieder transparentes Kobaltblau. Diese entstandene Walze wird wiederum sehr sorgfältig ausgeformt, und im Ofen nochmals gut durchgeglüht. Anschließend wird mit der Glaspfeife eine große Luftblase in die Mitte der Walze geblasen - das spätere Perlenloch.

Bild 4: Das Ziehen einer (ziemlich kurzen) Chevron-Stange von 2 Männern, Harpers 1871
Bild 4

Nun wird diese Walze entweder an Eisenplatten mit Holzgriffen, oder an Stahlstangen angedockt, wo sie durch die Hitze anhaftet. Mit diesen Griffen wird die Walze nun in speziellen Hallen von zwei Glasmeistern durch sehr gleichmäßiges voneinander weggehen auf bis zu 90 Meter Länge ausgezogen und auf Buchenholz-Brettchen abgelegt, wobei auch gleichzeitig die Dicke der späteren Perlen bestimmt wird. Durch gleichzeitiges Verdrehen des Stranges entstehen die sogenannten "Twisted"-Chevrons mit spiralförmig verlaufendem Muster. Auch die Luftblase wird bei diesem Vorgang mit in die Länge gezogen, so dass eigentlich ein dickwandiges Glasrohr entsteht. Nach dem langsamen Abkühlen wird dieses "Rohr" in Meterstücke zerschnitten, die dann zur Weiterverarbeitung wiederum in kürzere, der gewünschten Länge der Perlen entsprechenden Stücke zerteilt werden.

Kleinere Perlen werden im nächsten Arbeitsschritt mit Sand oder Keramikpartikeln zusammen heiß getrommelt, und erhalten dadurch ihre Rundungen. Grosse Perlen jedoch werden fast ausschließlich von Meistern ihres Fachs an Stein- und Diamantschleifscheiben in ihre endgültige Form gebracht und poliert, wobei mit viel Fantasie, Erfahrung und Kreativität immer wieder neue Formen entstehen.



Bild 5: Grosse Neuzeitliche Murrini-Chevron, Luigi Catellan, Murano Bild 1: Vier 6- und eine 4-lagige Chevron-Perle von Links nach Rechts: hexagonal versetzter Schliff, Tropfenform in seltener Farbkombination, neue Fassform aus einer alten Stange geschliffen, Klassische Farbgebung sehr lang und sehr flach geschliffen, Appelcore-Chevron, 2 Lagen vermutlich weggeschliffen.
Bild 2: von Links nach Rechts: 6-Lagige Tropfenform, 4-Lagige frei geformt, 10-Lagige alte Tropfenform,  4-Lagige transparente freie Form, 6-Lagige quadratische Tropfenform.
Bild 3: Obere Reihe: Sechs Neue 6-Lagige, Links: 2 Stücke von Chevronstangen, eine schräg durchgesägt, eine angefast, eine große Anfang 19. Jhd., zwei große Scheiben, in der oberen meine allerkleinste Chevron-Perle J und auf der rechten Seite 12 Scheibenstücke: Variationen der Stangen-Querschnitte vom 17. bis zum 20. Jhd.
Bild 4: Das Ziehen einer (ziemlich kurzen) Chevron-Stange von 2 Männern, Harpers 1871
Bild 5: Grosse Neuzeitliche Murrini-Chevron, Luigi Catellan, Murano
Alle Perlen: Sammlung Gunnar Haag, www.beadbox.de


Meine Quellen und gleichzeitig Literaturempfehlung zum Thema Chevron und Perlen:
"Alle Perlen dieser Welt" von Louis Sherr Dubin, 1988
"Chevron and Nueva Cadiz Beads - Vol. VII - Beads from the West African Trade" by John and Ruth Picard, 1993
"Beads of the World" by Peter Francis Jr., 1994
"Collectible Beads" by Robert K. Liu, 1995